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mardi, 20 février 2007
BEAMTE DES TERRORS
Brigitte Mohnhaupt, „die Beamtin des Terrors“, wie die FAZ sie treffend benennt, wird auf Bewährung entlassen, und ob Christian Klar begnadigt wird, entscheidet der Bundespräsident. Soweit alles klar und alles Rechtens. Dieser Staat nimmt keine Rache und verlangt auch keine Reue – die man wahrscheinlich noch nicht einmal hören wollte. Aufklärung darüber, wer wann wen erschossen hat, wäre indes mehr als erwünscht – aber das verbietet den RAF-Leuten ihr „Stolz“, wie Spiegel-online anerkennend bemerkt. Oder nicht vielmehr – ihre Ganovenehre?
Daß die RAF nun Geschichte geworden sei, daß man aus alledem Zeichen einer Versöhnung lesen könne, daß sich also das Thema erledigt habe, darf man getrost verneinen. Die Debatte wird spätestens zum 30. Jahrestag jenes deutschen Herbstes 1977 wiederaufflammen, der am 5. September begann, dem Tag der Entführung Hanns-Martin Schleyers durch die RAF, und am 19. Oktober kulminierte – mit der Befreiung der Geiseln in Mogadischu, der Ermordung Hanns-Martin Schleyers in Köln und dem selbstzugefügten Tod Andreas Baaders und Gudrun Ensslins im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim.
Denn es kann an dieser Front keine Ruhe geben, viel zu grauenvoll sind die Ereignisse und viel zu unterschiedlich die Wahrnehmungen dessen, was geschehen ist und wie man es zu interpretieren hat. Auch die Zeitzeugen von damals erleben, was Zeitzeugen schon immer quält: ihre differenzierte Erinnerung wird zugekleistert von Mythologisierung oder Verharmlosung. Die Jüngeren finden Prada-Meinhof irgendwie schick, die Rebellischen glauben an lautere Motive der damaligen Schießkommandos, und alle sehen irgendwie den Geist der Zeit an der Ermordung von mindestens 34 Menschen allein in Deutschland beteiligt. Chauffeure, Botschafter, Polizisten, Wirtschaftsmänner, Piloten, Bankiers und Soldaten, allesamt Schweine, wie es der Jargon der RAF wollte, die denen, die sie abknallten, das Menschsein absprachen.
Man darf manchen heute vorausgesetzten Zusammenhang bezweifeln. Wieso eigentlich gesteht man den Schießtrupps der RAF zu, im Kontext von Nazibewältigung und Vietnamkriegskritik, von Rebellion der Jugend und Aufbruchstimmung, von gesellschaftlichem Umbruch mit freiheitlicher Grundnote zu stehen, dem man doch irgendwie auch etwas zu verdanken habe, und wenn es nur ein bißchen Sex und Schönheit ist wie bei Uschi Obermeier und der Kommune I?
Daß dies alles zusammengehöre, ist ebenso Konsens wie die Behauptung, die RAF habe ihre Wurzeln in der Studentenbewegung und der sich als undogmatisch verstehenden Linken gehabt. Nanu? Ulrike Meinhof erwarb ihren Ruf im Rahmen der Zeitschrift „Konkret“, die von der SED bezahlt, ja: gesteuert wurde, was viele Konservative damals behaupteten und die „Bewegung“ durchaus wußte.
Es scheint, als ob sich dieser Konsens zwei konträren Kräften verdankte, die sich gegenseitig zu diesem Kurzschluß anspornten: den Konservativen von damals, die hinter jeder Auflösung allgemeiner Sittenstrenge und jedem Langhaarigen den Staatsfeind lauern sahen und den Studentenbewegten, die sich schon deshalb zur Solidarität mit allem möglichen Unsinn genötigt fühlten. Hieß nicht, glaubten damals erstaunlich viele, Kritik an der RAF Einverständnis mit den Verhältnissen? Der Gruppendruck verbot, die Verbindungslinien zu einer kleinen Gruppe Schießwütiger zu kappen, mit denen die meisten damals weniger Solidarität als vielmehr Angst verbanden.
Mich jedenfalls überkommt noch im Nachhinein das große Staunen. Gab es denn wirklich einen direkten Weg von westdeutschen Kommunarden und Haschrebellen ins Palästinenserlager? Von der antiautoritären Schülerbewegung zur paramilitärischen Schießorganisation? Von den Rolling Stones, dem Minirock, den Blumenkindern und dem freien Sex zur verklemmten Sprache der selbsternannten Metropolenguerilla und in die DDR? Und wieso hat die Demokratie davon profitiert, daß man den Rechtsstaat jahrzehntelang gründlich mißverstanden hat?
Ja, der Staat hat damals nicht selten überreagiert. Aber auch die andere Seite hegte oft ziemlich pittoreske Vorstellungen von Demokratie und Rechtstaat. Aus dem Imperativ des „Nie wieder!“ entwickelte sich ein Widerstandspathos, mit dem man, da „1933“ ja stets wieder geschehen könne, überrechtlichen Notstand reklamierte. Noch in der nicht zuletzt als Reaktion auf den deutschen Herbst gegründeten grünen Partei geisterte die Vorstellung von der potentiellen Gefährlichkeit eines Gewaltmonopols des Staates, in keineswegs nur seligem Verkennen seines zivilisatorischen Fortschritts gegenüber den Zeiten von Bürgerkrieg und Lynchjustiz.
Nicht die RAF und ihre Nachfolgeorganisationen sind das Rätsel – sondern die Schwäche der damaligen „linken“ Öffentlichkeit, die den Militanten erlaubte, auf klammheimliche Freude und öffentliche Solidarität zu setzen. Gesiegt aber hat unübersehbar der Rechtsstaat, der mit der vorzeitigen Entlassung von Brigitte Mohnhaupt klarstellt, daß seine Grundsätze auch für den schlimmstmöglichen Gegner gelten. Darin unterscheidet er sich von ihr und all den anderen, die sich im Exekutieren ihrer nur noch „Schweine“ genannten Feinde gefielen.
In Deutschland gibt es keine Todesstrafe. Das Gewaltmonopol des Staates sorgt dafür, daß es auch von selbsternannten Freiheitskämpfern gleich welcher Sitzordnung nicht wieder eingeführt werden kann.
Cora Stephan ist Schriftstellerin und Publizistin
11:00 Publié dans CORA STEPHAN , GERMAN EDITION , POLITIQUE | Lien permanent | Commentaires (8) | Trackbacks (0) | Envoyer cette note | Tags : Cora Stephan, RAF, Deutschland, Terror, Terroristen, Mohnhaupt, Brigitte Mohnhaupt
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Commentaires
Die Deutsche Leitkultur verdient aber immer noch einige freiheitsliebende Verbesserungen, finden Sie nicht ?
Ecrit par : unionsbuerger | mardi, 20 février 2007
Unionsbuerger, ganz bestimmt sogar. Aber das ist hier nicht das Thema, sondern die bevorstehende Entlassung ehemaliger Terroristen. Ich bin übrigens völlig mit Cora Stephan einverstanden - durch die konsequente Anwendung seiner eigenen Regeln geht der Staat als Gewinner aus dieser Situation hervor. Und mit einem weiteren Punkt hat Cora Stephan absolut recht - dass die deutsche Linke seit 25 Jahren ein sehr diffuses Verhältnis zur RAF pflegt und die aktuelle Diskussion letztlich alle dazu zwingt, eine klare Position zu beziehen. Insofern wird Deutschland endlich in der Lage sein, das Kapitel des "Deutschen Herbstes" abschließend aufzuarbeiten. Dass es ansonsten in jedem Land ausreichend Verbesserungspotentiale gibt, das sei unbenommen...
Ecrit par : Kai | mardi, 20 février 2007
Es wäre vielleicht hier angebracht über die Mordaufrufe der Bildzeitung gegen Rudi Dutschke zu sprechen und über das Meuteaffekt der Eingeborenen in unserem Land. Wer in Frankreich nicht weiss was darunter zu verstehen ist, sollte www.bild.de öfter lesen .... denn BILD wird für diesem Herbst in Frankreich angekündigt .....
Ecrit par : unionsbuerger | mardi, 20 février 2007
Unionsbuerger,
wenn der Kommentar so gemeint ist, dass man auch die Ursachen und Wurzeln des Deutschen Herbstes als "Spätfolge" der 68er-Revolte und des letztlich von Bild indirekt angezettelten Mordes an Rudi Dutschke analysieren muss, bin ich einverstanden.
Dass die Bild-Zeitung in den damaligen Auseinandersetzungen eine mehr als unrühmliche Rolle gespielt hat, sehe ich auch so. Wobei mir eigentlich auch keine gesellschaftliche Debatte einfällt, bei der Bild eine positive Rolle gespielt hätte...
Insofern ist die Ankündigung, auch den französischen Pressemarkt vergiften zu wollen, eher beunruhigend. Aber Hand aufs Herz, wenn man anschaut, mit welchen Platitüden der französische Wahlk(r)ampf gerade geführt wird, dann würde eigentlich auch die Bild-Zeitung schon fast wieder 'reinpassen ins Gesamtbild. Schade, denn in Deutschland gibt es durchaus die eine oder andere Zeitung, bei der eine französische (oder europäische?) Ausgabe Freude bereiten würde...
Ecrit par : Kai | mardi, 20 février 2007
@ Kai
Das Französische Wahlkampf wird uns neue überraschungen bringen.
Man kann wetten auf eine Finale BAYROU - LE PEN, so schwach sind ihre KonkurrentInnen.
FRANKREICH bräuchte die SÜDDEUTSCHE um darüber sauber zu berichten.
Die FINANCIAL TIMES braucht FRANKREICH jetzt auch schon, auch um den Franz. Innenminister an seine Pflichten zu erinnnern, nicht Richter und Partei in der Wahl zu bleiben.
DEUTSCHLAND bräuchte aber unbedingt le CANARD und CHARLIE HEBDO.
denn unsere Herren & Frauen MdBs können Karikatur kaum ertragen
und wissen BILD und WORT sogar nicht mehr auseinanderzuhalten:
> www.patridiot.de
Ecrit par : unionsbuerger | mercredi, 21 février 2007
die Sueddeutsche berichtet hier über eine gute Aktion gegen die BILD Zeitung
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/790/102688/
Sie ist also auch in unserem Land denkbar die
> www.LEITKULTUREVOLUTION.de
Ecrit par : unionsbuerger | mercredi, 21 février 2007
Klar, ich glaube auch, dass wir den Canard und Charlie in Deutschland brauchen könnten. Aber andererseits verstehe ich noch nicht ganz, woraus die "Leitkulturevolution" besteht. Nur in der Person des Kandidaten Beyrou? Ich habe nichts gegen Beyrou und schätze seine europäischen Positionen, aber ist das gleich eine "Leitkulturevolution"? Wie wär's, wenn Sie uns mal dieses Konzept, auf das Sie sich oft beziehen, erklären? Das wäre interessant!
Ecrit par : Kai | mercredi, 21 février 2007
Wäre es keine Leitkulturevolution, wenn sich Bürger: Eingeborenen und Leitkulturdeutschen im armen französischen Wahlkampf einmischen ? Art. 11 Charta der Grundrechten gibt uns diese neue Freiheit.
BAYROUs Forderung nach einer kürzeren Europäischen Verfassung, die von allen Unionsbuerger am Tag der nächsten Europawahl ratifiziert werden sollte, wäre überzeugender, wenn er dafür eintreten würde, dass die in Nizza "offizielle proklamierte" Charta der Grundrechten auch nationales Recht jetzt schon brechen kann. Unsere Bundesregierung z.B. ist sich in der notwendigen Einhaltung der Charta der Grundrechten in Berlin immer noch nicht sicher.
Mehr Infos über die Wortunfreiheit und Domainunrecht im Land der Leitkultur unter
> www.patridiot.de
Ecrit par : unionsbuerger | jeudi, 22 février 2007








